MarionetteNahrung für die Zweifler, die Hassenden, die Harten, diejenigen Stimmen, die mich durch die Jahre meines Studiums peitschten. Verzweifelt klammere ich mich an die anderen Erinnerungen um den Zweiflern keinen Raum zu geben.

Das war gestern. Heute? Niemals zuvor war mir dermaßen klar, warum ich wurde, wie ich wurde – wieso ich so reagierte.

Noch nie habe ich die Gefühls- und Gnadenlosigkeit so bewusst gespürt wie am heutigen Tag, an dem ich aus dem Sumpf der Flucht unter Tränen in den Alltag überging. Die Marionette - funktionierend, emotionslos. Die Aufgaben sind einfach – so bleibt glücklicherweise der Hass noch aus.

Damals war es anders, damals in dem kleinen Zimmer in dem Studentenwohnheim. Keine schöne Erfahrung und doch war ich gestern so nahe daran wie schon seit fast fünf Jahren nicht mehr. Nur schemenhaft kann ich mich daran erinnern – das Mädchen, welches weinend in ihrem Bett saß, verzweifelt, wütend, unendlich traurig, einsam. Weinen, dass irgendwann umschlug, “Ich muss doch funktionieren”, blinder Aktionismus.

Ein Wunder, dass durch die Tränenschleier vor meinen Augen überhaupt irgendetwas in mein Gehirn drang … irgendetwas, dass mich irgendwie durch die ersten – härtesten Jahre meines Studiums brachte. Und doch – immer wieder die Wut, als die Tränen nicht versiegen wollten, als das Funktionieren zu schwer wurde. Als meine Seele gegen den Kopf rebellierte. Bis die Wut blind wurde. Der Kopf die Seele schlug. So lange, bis die Tränen versiegten. Bis ich stumm funktionierte.

In den ersten Jahren habe ich mich – übertrieben – physisch durch das Studium getrieben, später, nach dem ersten missglückten Versuch einer Therapie, beschränkte ich mich größtenteils auf inneren Psychoterror. Es ist einfacher, er ist einfacher zu übersehen. Er lieferte mir einen guten Trainingsgrund für die Härte, die ich mir schon während meiner Kindheit aneignete.

Abgeklärtheit, Kälte, Härte – etwas, dass ich der Welt um mich herum entgegnen konnte, der ich hilflos ausgeliefert war – nein – der ich alleine gegenüber stand.

Heute? Heute bin ich vielleicht hilflos, doch ein Kind bin ich nicht mehr. Auch bin ich nicht mehr alleine. Ich habe gelernt, dass ich um Hilfe bitten muss – und … dass ich … so schwer es mir fällt … mich nicht direkt wieder entmutigen lassen darf, wenn mir die Realität scheinbar wieder all das beweist, weswegen ich so wurde, wie ich bin – war. Gnadenlos, hoffnungslos, emotionslos …


Eine Sache, die ich bisher noch nicht ablegen konnte ist mein Fluchtverhalten. Sobald es mir nicht gut geht, lenkt mein Unterbewusstsein mich automatisch ab – flüchtet, treibt mich zum sinnlosen Zeitvertreibt, der mich antreibt und in einen seltsamen Rausch versetzt. Es ist seltsam und doch wahrscheinlich wohlbekannt. Bei anderen mag es Alkohol sein, Drogen, …

BerieselungSchon vor ewigen Zeiten bin ich aus bestimmten Situationen auf die ein und selbe Art und Weise geflüchtet. Stupide Fernsehunterhaltung: Richtersendungen, Nachmittagstalk oder Billig-Blöd-Reportagen oder aber Klickspiele – meistens eine bestimmte Logik vorraussetzend, auf dass mein Kopf auch schön beschäftigt ist. Vor 10 Jahren an Weihnachten war dies ein Flipperspiel, welches ich in endloser Wiederholung ohne Pause spielte um die Leere und Einsamkeit eines weiteren seltsamen Weihnachtsfestes zu verdrängen.  Während des Studium wechselten die Spiele Minesweeper und Freecell sich gegenseitig ab.

Es ist erstaunlich, wie schnell und unproduktiv die Zeit verrinnt mit Spielen, die im Schnitt unter einer Minute dauern. Immer und immer wieder, immer schneller werdend klickte ich und rauschte mit meinen Gedanken davon. Heute sind es Bejeweled Blitz und andere Facebook-Seuchen. FarmVille, Mafia Wars, Vampire Wars & Co. Sie machen nichts anderes als meine Zeit zu fressen und mich in einen komisches Gefühl zu versetzten, während der Tag, Wochen, Monate an mir vorbei ziehen.

Ich verschwende kostbare Zeit … ich weiß es … und doch bringe ich es nicht über’s Herz – schon wieder meinen Spiele-Facebook-Account zu löschen. Nichts desto trotz gibt es für mich – so glaube ich – keine andere Lösung. Ist es nicht wie der Alkohol beim Alkoholsüchtigen? Moderat spielen? Das wäre ok – doch natürlich sind die Spiele so aufgebaut, dass man, je höhere Level man erreicht, umso mehr Zeit hineinstecken muss. Ein einfaches Prinzip. Es gibt kein Ziel, denn die Ziele werden unendlich gemacht – immer wieder neue Dinge, die es zu entdecken gibt, stärkere Gegner, die man schlagen muss.

Wo ist die Grenze? Wo geht die gesunde Zerstreuung in ungesunde Verschwendung von Zeit und Energie über? Ich weiß, ich habe diese Grenze schon längst überschritten. Worin liegt der Reiz? Wieso kann ich mich nicht trennen?

Da ist sie wieder – die Flucht. Realitätsflucht. Was auch immer es ist, womit ich mich berausche – meine Gedanken verschwinden aus dem hier und jetzt – ich spüre nicht mehr mein Versagen, die Unzulänglichkeiten, die Einsamkeit. Die Ziele in Spielen sind so gesteckt, dass sie Erreichbar sind – die Frustration ist niedrig und falls doch einmal hoch “Ach, doch nur ein Spiel!” Nicht wie in der Realität… wo so vieles schiefgehen kann und ich anschließend mit den Konsequenzen konfrontiert werde.

Die Konsequenzen. Wenn ich jetzt nicht aufhöre, wird es immer schwieriger werden, einen Job zu finden. Mit jedem Monat der ins Land streicht wird es schwieriger und an meiner Situation wird sich nichts ändern. In der Flucht finde ich keine Lösung für meine Probleme; keine Freunde, keine Anerkennung, kein Wissen … zurück bleibt nur ein wertloses hochgeleveltes Etwas und ein Me, welches nicht schlafen kann, weil der Rausch des Spieles sie fest im Griff hält.


Es ist still geworden hier. Aus guten und nicht so guten Gründen – wie so häufig liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ich möchte mich jedoch auf das Gute konzentrieren. Nach langer Zeit der Suche, vielen Rückschlägen und Überwindungen habe ich – hoffentlich – einen neuen Therapeuten gefunden, der mit mir tiefenpsychologisch fundiert arbeitet. Eine Erleichterung, auch wenn dies bedeutet, dass ich mich nun dem großen, mich verängstigenden Schritt der Arbeitssuche zuwenden muss.

Selbsthilfegruppe

Seit Anfang des Jahres versuche arbeite ich kontinuierlich daran, mein Leben wieder aufzubauen. Mit einer der entscheidenden Schritte war es, wie bereits nach der Klinik-Entlassung geplant - der hiesigen Selbsthilfegruppe (SHG) zum Thema Depression einen Besuch abzustatten. Jetzt bin ich einen Monat dabei und ich bereue es nicht, diesen Schritt getan zu haben. Zwar ist es immer noch schwer und jedes Mal kostet es mich erneut Überwindung dort hinzugehen, doch danach stelle ich jedes Mal fest, wie unendlich gut es tut, in einem geschützten Raum über die Gefühle und Ängste reden zu können. Es ist anders als mit den Therapeuten, als in 1-zu-1-Gesprächen. Und zumindest in unserer Gruppe wird erstaunlich viel gelacht.

Außerdem tut es mir gut, “raus  zu kommen”. Meine Welt, meine Wohnung zu verlassen; mich in den Bus zu setzen und die 3/4 Stunde durch die Abenddämmerung zu fahren war in den letzten Wochen unheimlich schön. Ich mag diese Art der Fortbewegung. Es sind Momente in denen ich mich fallen lassen kann. Einfach die Welt an mir vorbeiziehen lassen kann – stille Beobachterin. Und dann, der Moment in dem der Bus den Berg hinunter fährt und ich den Blick auf die Stadt erhasche. Die vielen Lichter, der weite Blick. Es ist eine gute Vorbereitung, ein Runterkommen, für die folgenden Minuten. Sie sind anstrengend, häufig bin ich aufgewühlt – denn ich spüre meine Ängste, den ständigen Zweifel wenn ich meinen Mund öffne. Doch anders kann ich diese Ängste bezwingen als mich ihnen zu stellen?

Ich weiß, dass es nicht besser wird, wenn ich den Kontakt zu Menschen vermeide. Ich muss rausgehen. Ich muss üben, mich zu unterhalten, meine Meinung kundzutun, meine Gedanken zu offenbaren, mich mitteilen, Raum für mich einfordern, konstruktive Kritik annehmen und destruktive Kritik ignorieren oder ihr entgegentreten. Nichts, was mir leicht fällt. Doch das Wissen, dass auch die Anderen in der SHG mit Problemen zu kämpfen haben, sie mir nicht übel nehmen, wenn ich mich verhaspele, sie geduldig zuhören und nicht barsch alles niederschmettern mit einem “dann mach doch einfach”, dieses Wissen macht es mir sooo viel leichter mich zu überwinden.

Und so gemein es auch klingen könnte… ein weiteres Mal sehe ich, welch Glück ich hatte, dass ich jetzt – schon so früh – eine solch intensive Unterstützung von Seiten meiner Therapeuten, meines Freundes, seiner Familie und meiner Familie erfahren durfte. Letztes Jahr durfte ich den Reset-Button drücken und nun fährt mein Ich langsam, nach und nach, die einzelnen wichtigen Elemente wieder an. Nicht ohne Überprüfungen und wenn dann doch mal etwas schief geht, dann weiß ich, dass ich in einem sicheren Netz lande und keinen Komplett-Ausfall mehr zu fürchten habe.

So sehr es mich auch schmerzt, dass ich kaputt bin – dass ich nicht so funktioniere, wie ich es gerne würde, “wie ich sollte” – diese Krankheit ist etwas, mit dem ich leben lernen muss und werde. Und irgendwie gibt es in mir auch wieder diese kleine (vielleicht naive und utopische – kindische) Hoffnung, dass alles gut wird und ich am Ende gestärkt und mit einer Menge wertvoller Erfahrungen aus dieser Lebensphase hervorgehen werde. Doch genau diese Hoffnung war es, die mich früher inspirierte und getrieben hat, die mich – vielleicht – zu einem besseren Menschen machte.

Ich will glücklich werden! Und ich will meinen Weg gehen und nicht jenen, den mir eine gehetzte und unglückliche Gesellschaft aufgezwungen hat – bzw. den ich meinte, gehen zu müssen um … wem wollte ich etwas beweisen? Muss ich jemandem etwas beweisen? Nein! Ich bin ich – und ich habe so verdammt viel! Ich werde mich aufrichten und der Welt entgegen treten – meine Werte verteidigen und für eine gute Zukunft kämpfen. Und Menschen, die mich niederdrücken wollen um auf meine Kosten ihr Selbstwertgefühl zu puschen, weil sie ja ach so etwas besseres sind – den Regeln stets folgten und alles ja ach so genial machten – …. irgendwann werde ich ihnen entgegen treten können, sie anlächeln und weitergehen.


Der Kontakt zur Außenwelt. Menschen, die ich kennenlerne, mein Verhalten ihnen gegenüber. Ständiges Schauspiel, die Filter. Beobachte dein Gegenüber, welche Reaktionen werden erwartet?

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort … und … warum kann ich nicht ich sein? Ohne zu filtern und mich zu verbiegen. Wieso kann ich keinen Kontakt halten? Wieso fällt es mir so schwer, Menschen wahrzunehmen und mich auf sie einzulassen?

Die Antwort ist einfach … da war so etwas … da war etwas mehr. Und das Vertrauen? Darnieder – und schon davor. So vieles. Es hilft zu wissen, doch um weiterzukommen muss ich üben. Davor habe ich Angst. Die Gesellschaft hat nicht all zu viel Verständnis für seltsame Menschen, denen man komisches Verhalten nachsehen müsste.

Hoffentlich schaffe ich es trotzdem.


Angst

22Dez09

Da bin ich nun. Mir bleibt noch eine Sitzung mit meinem jetzigen Therapeuten. Danach – Ende. Ich habe mich für eine andere Therapieform entschieden und lasse damit eine Stüzte in meinem Leben gehen, die mich trotz oder vielleicht gerade wegen jener Kämpfe weitergebracht hat. Ein weiteres Mal in meinem Leben wird damit ein Mensch gehen, der mich eine Zeit lang begleitete und unterstützte und dem ich Vertrauen entgegen brachte.

Ich weiß nicht, ob es an der Zeit liegt oder daran, dass mein Freund krank und unsicher darnieder liegt, aber heute hatte ich das erste Mal seit der Klinik wieder ein Verlangen, nach dem ich mich nicht sehnte. Ein Gefühl, welches ich gerne aus meinem Gedächtnis streichen würde. Der Blick auf den Arm – unschuldiges weiß – äußerlich.

Ich habe es realisiert, das ist gut – so kann ich es verhindern doch führt es mir vor Augen, wie instabil dieses Ich doch ist. Die Gefühle sind ziemlich überwältigend. Denn die eine und die andere Seite … sie sind da. Und es macht es nicht einfach zu wissen, wie viel man noch verändern muss, an wie vielen Dingen man ich noch arbeiten muss. Es schmerzt so unendlich, zu wissen, wie vieles nicht im Reinen ist, dass es nicht so einfach geht, dass es eine Krankheit ist, die nicht von heute auf morgen geheilt werden kann. Es schmerzt so unheimlich.

Ja – es ist gut, dass ich es – irgendwie – akzeptieren kann. Dass ich inzwischen so viel gelernt habe, dass ich weiß, dass ich mich nicht hingeben will, dass ich nicht aufgeben möchte und dass es Hilfe gibt! In so Momenten wie diesen ist dies allerdings nur ein sehr schwacher Trost. Es fühlt sich miserabel an, und wie gerne würde ich nur davor flüchten. Einfach weitermachen mit all den schädlichen Verhaltensweisen. “Es ist doch eh egal!”.

Dieses “Es ist doch eh egal!” ist eine Lüge. Es ist nicht egal – es ist mir nicht egal, sonst würde es nicht so schmerzen. Sonst würde ich nicht so leiden. Wäre es mir egal, dann wäre ich so wie die anderen. Würde mich betäuben, entgültig für immer – mein schlechtes Wissen wegtrinken oder was auch immer damit tun. Es ist mir nicht egal.

Hatte bisher so viel Glück mit meinen Therapeuten … ich habe so wahnsinnige Angst, dass ich es jetzt nicht mehr weiter schaffe. Ja – nein – ich bräuchte mir eigentlich keine Sorgen machen. Die Klinik, in der ich war, war gut. Ich habe eine Backup-Lösung, die auf jeden Fall greifen wird – ob ich es jetzt schaffe einen neuen Therapeuten zu finden oder nicht.

Ich habe Angst, wahnsinnige Angst…


My Immortal

25Nov09

Es gibt fast kein anderes Lied, welches mein Gefühle gegenüber dieser einen Person besser beschreibt als dieses. Und selbst wenn du da warst, war ich allein … ich habe alles für dich getan. Und noch immer bist du in meinen Gedanken – egal, wie oft ich mich vom Gegenteil überzeugen möchte.


“My Immortal”

I’m so tired of being here
Suppressed by all my childish fears
And if you have to leave
I wish that you would just leave
‘Cause your presence still lingers here
And it won’t leave me alone

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase

[Chorus:]
When you cried I’d wipe away all of your tears
When you’d scream I’d fight away all of your fears
And I held your hand through all of these years
But you still have
All of me

You used to captivate me
By your resonating light
Now I’m bound by the life you left behind
Your face it haunts
My once pleasant dreams
Your voice it chased away
All the sanity in me

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase

[Chorus]

I’ve tried so hard to tell myself that you’re gone
But though you’re still with me
I’ve been alone all along

[Chorus]


Habe ich mir diese Frage nicht schon einmal hier gestellt? Nun ja. Im Moment taucht sie gerade ganz groß vor meinen Augen auf in Bezug mit diesem Medium, das Medium Internet, dem ich so verfallen bin. Wie schnell und einfach ist man mit der Welt verbunden – aber eigentlich – eigentlich lebe ich hier genauso nebenher wie im realen Leben. Und damit bleibt nur dieses Gefühl “Who cares anyway!” Ist doch eh egal.

Ich weiß, keine guten Gedanken. Der richtige Zeitpunkt um den Deckel des Laptops zuzuklappen und mich sinnvolleren Dingen zu widmen. Und das ist der Moment, in dem ich es wieder nicht kann. Ich fühle mich einsam. Und indem ich den Laptop und damit die Verbindung zum Internet offen halte, kann ich mir wenigstens einbilden eine Verbindung zur Außenwelt zu haben – nicht alleine zu sein.

Und dann, wenn ich einen Moment innehalte, sehe ich, wie ich mich betrüge.

Scheiße…


Depression

11Nov09

Heute im Bus haben sich zwei Frauen unterhalten, über den Torwart und die Sache mit dem Zug. Irgendwann kamen sie zu dem Punkt an dem sie übereinstimmten, dass Selbstmord fürchterlich egoistisch sei und dass es total lächerlich wäre, dass jetzt alle Welt darüber schreibt, bestürzt ist und trauere, wo doch ständig Kinder verhungern – oder an richtigen Krankheiten sterben. Erkläre doch dem Kind mal, wieso sich der Torwart umgebracht hat.

Diese Diskussion versetzte mir einen Stich und wäre ich nicht ich und wäre ich nicht krank hätte ich wahrscheinlich meine Meinung gesagt, dass es nicht so trivial ist. Mögen sie sich über den Medienhype aufregen, gerne. Es stimmt – warum wird jetzt hier so viel Bohai darum gemacht, wo tagtäglich eine Menge anderer Leute sterben, aber so leichtfertig über den tötlichen Ausgang einer Krankheit zu sprechen, von der sie keine Ahnung haben, ist fahrlässig.

Depression ist eine Krankheit, die genauso wie andere schwerere Krankheiten, tödlich verlaufen kann. Besonders dann, wenn sie ignoriert und nicht behandelt wird, wenn sich der Erkrankte schämt, sich nicht eingestehen möchte, dass er Hilfe braucht, weil er sonst von außen nieder gemacht wird. “Es ist doch so einfach!” “Reiß dich zusammen.” “Du brauchst nur ein bisschen Ruhe!” “Ist doch nicht so schlimm!” Und genau solche Menschen wie diese Damen senken die Überlebenschancen eines stark Depressiven.

Aber wie sollen sie etwas verstehen, was selbst wir betroffenen nicht verstehen – es ist nicht rational. Die Gedanken, die uns zu den Dingen treiben – es ist nicht logisch. Sie sagen “Wir haben die Wahl!” – wir selbst denken vielleicht: “Wir haben die Wahl” doch wenn ich dann zurückblicke stelle ich fest: Ich hatte vielleicht die Wahl, aber die Möglichkeiten die sich mir boten waren nur jene eines kranken Geistes. Und da gibt es häufig nur die Wahl zwischen Schlimmer und Schlechter. Selbst das, was in einem Moment als die optimale Lösung darstellt, ist im nachhinein nichts anderes als ein weiterer Schritt in die falsche Richtung, den Abgrund!!!

Ich habe Jahre gebraucht – fast ein Jahrzehnt – um diese Krankheit zu sehen und sie zu akzeptieren, zu verstehen, dass es bei mir um keine “leichte Sommergrippe” handelt, die ohne die Hilfe eines Arztes wieder vorbeigeht. Es macht mich wütend zu hören, wie leichtfertig diese Damen über etwas urteilen, wovon sie keine Ahnung haben. Es macht mich wütend, dass wegen Leuten wie diesen Damen so vielen anderen Menschen nicht geholfen werden kann, weil sie nicht mehr die Kraft aufbringen können zu kämpfen, weil sie keine helfenden Hände haben, die sie von der Gesellschaft abschirmen!

Verdammt noch mal, Gesellschaft, nimm es ernst, wenn jemand depressiv ist! Es ist eine tödliche Krankheit!!! Und ihr da draußen, die ihr das Gefühl habt, dass ihr depressiv seid – die ihr das Gefühl habt, keine Zukunft mehr zu sehen, dass euch alles zu viel ist -

Bleibt nicht alleine!!!

Ich weiß, es ist schwer, es tut nicht gut, es ist hart, es kostet Tränen – aber

Es lohnt sich zu kämpfen!!!!!

Und gebt nicht auf, lasst euch nicht entmutigen von den Rückschlägen. Etwas, was sich in so vielen Jahren entwickelt hat, kann nicht von heute auf morgen wieder gut sein! Nehmt euch die Zeit!!


Ein langer Weg

11Nov09
"Pensando." by Hecyra *

"Pensando." by Hecyra *

Was für eine lange Zeit, was für eine schwere lange Zeit, in der ich viel gelernt habe, liegt in der mir. Es ist seltsam nach den Monaten wieder zurück zu kommen, wieder den Browser zu öffnen und zu meinem Blog zurück zu kehren. Ich hoffe, es geht euch gut. Ich hoffe, ihr hattet einen schönen Sommer!!

Meine Güte, ich glaube, ich habe das Schreiben verlernt. Doch zu allererst: Es geht mir gut – es geht mir besser - und es war die beste Entscheidung für mich, in die Klinik zu gehen!!

Vieles habe ich erlebt, vieles gesehen, vieles gehört. Über andere, doch vor allem über mich und meine Krankheit. Wie schwierig es ist, sie zu akzeptieren und zu akzeptieren, dass ich nicht so kann, wie ich gerne möchte und gnädig mit mir zu sein, Geduld mit mir zu haben.

Gesehen habe ich, wie viel ich schon erreicht habe auf meinem Weg und wie gut für mich, und vielleicht auch mutig, es war, ihn zu gehen – trotz der Gesellschaft und der ständigen Stimme im Hinterkopf, welche mir einredete, ich stellte mich doch nur an.

Froh bin ich über die Menschen, die mich auf meinem Weg begleiteten, die mir so vieles mitgaben: Meine erste Verhaltenstherapeutin, mein jetziger Verhaltenstherapeut, der mir die Möglichkeit gab, mir in einer sehr guten Klinik helfen zu lassen, den (Sport)Therapeuten in der Klinik, besonders jener Therapeutin, die mich in den Einzeltherapiestunden betreute; den Menschen, die ich dort kennenlernen durfte – vorallen jenen in der Gruppetherapie, die mir die Augen öffneten, bezüglich dem wie weit ich eigentlich schon gekommen bin.

Dies alles zeigt mir, welch wahnsinniges Glück ich habe. Meine Umgebung ist für mich da, versteht mich, akzeptiert diese Krankheit und gibt mir die Zeit, die ich brauche. Ich habe gesehen, wie schlimm es ist, wenn dem nicht so ist und wie hilflos und machtlos man selbst ist, wenn die Welt nicht hinter dir, sondern deinen “bösen Stimmen” steht.

Mehr denn je habe ich auch verstanden, wie unbegreiflich diese Krankheit ist für jemanden, der es nicht am eigenen Leibe erfährt. Durch eine neue Medikamentation, die so sehr viel besser ist als die vorherige, fühle ich mich dass erste Mal seit Jahren handlungsfähig. Ich weiß nicht ob ihr nachvollziehen könnt wie befreiend es ist, nicht ständig gegen irgendwelchen Druck zu arbeiten, gegen Ängste, Panik, und Tausende von durcheinander klingenden Gedanken, die sich ständig widersprechen.

Dennoch bin ich mir bewusst, dass es trügerisch sein kann. Zwar fühle ich mich gut, doch die Krankheit ist nicht verschwunden – ich muss stark darauf achten, nicht in die alten, schädlichen Verhaltensmuster zu fallen. Ich muss auf mich achten. Mehr denn jeh, gerade jetzt – Schritt für Schritt, nichts überstürzend, um das, was ich während der Zeit in der Klinik erreicht habe nicht wieder zunicht zu machen.

Drum hoffe ich, dass mir das Glück noch ein weiteres Mal hold ist und mir hilft, einen guten tiefenpsychologischen Therapeuten zu finden. Denn da ist noch was, tief in mir – und ich kommen mit der Verhaltenstherapie nicht daran heran. Es liegt mehr im Kontakt mit meinem Gegenüber, den Beziehungen… und dem Kontakt mit mir selbst.

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* Attribution: http://www.flickr.com/photos/hecyra/ / CC BY-NC-ND 2.0


hiding by robert madeira *

"hiding" by robert madeira *

Eigentlich ist es immer wieder das Gleiche. Irgendjemand kontaktiert mich, ich fühle mich unwohl, ich ziehe mich zurück, ich fühle mich einsam, ich glaube, dass keiner mich mag. Dieser Kreislauf kehrt regelmäßig wieder und noch weiß ich nicht, wie ich ihn unterbrechen kann.

Es ist mir peinlich unter Menschen zu gehen. Ich bin nicht bereit dazu. Solange ich noch nicht alles auf die Reihe bekommen habe kann ich mich einfach nicht blicken lassen unter der (Achtung Denkfehler) Menge an schönen, erfolgreichen, interessanten und dynamischen Menschen. Ich schäme mich für mich.

Das Bewusstsein, dass obrige Gedanken reinster Bullshit sind hilft mir leider gar nicht weiter. Etwas wie unsichtbare Fesseln hält mich zurück – bl0ß nicht noch mehr blamieren – bloß nicht zeigen, dass man ein Mensch mit Fehlern ist, der eben nicht alles unter Kontrolle auf die Reihe bekommt.

Je mehr ich diese Gefühle realisiere und zulasse,  desto schlimmer wird der Selbsthass und die Hoffnungslosigkeit. Da sehe ich die Spirale, die mich nach unten zieht. Vermeidung, fehlende Bestätigung, intensivere Vermeidung – es führt zur Selbstaufgabe.

Rausgehen sollte ich, ja – ich weiß. Unter Menschen muss ich. Aber ich kann nicht. Es ist so anstrengend und in jedem Gesicht, in jedem Kopf sehe ich die Häme, den Spott. Belächeln kann man das fette Ding, welches nichts auf die Reihe bekommt. Schon fast ein Jahr fertig ist mit dem Studium und immer noch keinen Job?!! Faul, dumm, seltsam, … Die Palette an Vorwürfen ließe sich beliebig fortsetzen.