Wenn plötzlich alles anders ist
Er ist tot. Gestern saß er neben dir und jetzt ist er tot. Ausgelöscht in einem Wimpernschlag. Dieser wertvolle Mensch, den du einen kurzen Teil seines Lebens begleiten durftest. Der dir eine kurze Zeit deines Lebens mit seiner Anwesenheit versüßte.
Für mich ist es fast immer noch unbegreiflich. Ein so junges Leben, aus dem Leben gerissen. So viel Lebensfreude und Energie. Ein Mensch, der sein Leben noch vor sich hatte und dem man in jedem Moment ansehen konnte, wie er es genoss.
Der Schmerz ist unendlich, das Loch in den Herzen so vieler Menschen groß. Es ist etwas, was niemals gut werden wird – nur der Schmerz wird langsam, viel zu langsam, abnehmen und wir werden weiter machen müssen mit dem Leben. Denn das letzte was er gewollt hätte wäre, dass wir aufhören zu Leben. Es ist schwer. Die verletzte Seite, die, die ich so lange einschloss und die heute so unendlich heftig reagiert, will sich verschließen, sich zurückgeben, aufgeben: “Wofür lohnt es sich zu kämpfen, am Ende…”
“Nein! Dieser Mensch musste sterben und wenn ‘er schon dieses Opfer bringen musste’, dann soll es nicht umsonst sein!”
“Nur eine Erkältung”… die Leichtfertigkeit, mit der unsere Gesellschaft über Warnzeichen des Körpers hinwegsieht und in der so viel anderes mehr zu zählen scheint als die eigenen Gesundheit ist beängstigend. Es hat diesem so wunderbaren Menschen das Leben gekostet. Ein jähes, unsanftes Aufrütteln – ich werde es nicht nochmals zulassen. Ich will an meiner Aufmerksamkeit arbeiten und auf die Menschen, die in meinem Herzen sind achten. Und ich will auf mich achten, damit den Menschen, in deren Herzen ich einen Platz gewonnen habe, niemals diesen Schmerz erleiden müssen.*
Jeder Tag, jeder Moment meines Lebens ist wertvoll. Wie viele Momente habe ich dadurch verschenkt, dass ich mich grämte, dass ich mich weigerte, Angst hatte, dem Lebens ins Auge zu blicken. Er, der es so genossen hat, kann es jetzt nicht mehr: das Leben leben.
Auf so eine grausame Weise macht mir das Schicksal begreiflich, was eigentlich wichtig ist. Ich mag schreien “Warum??? So ungerecht bist du, wieso nicht ich, der ich eh nicht wertvoll bin! Wieso diesen lebensfrohen Menschen mit all den Träumen??”
Zu tief rührt es mich, bricht meine Wunden, erschüttert alle Mauern, die ich zum Schutz gebaut habe. Dass ich diesen Menschen kennen lernen durfte war ein Geschenk. Und ich mag ihn ehren, ich mag alles dafür geben, dass sein Tod nicht umsonst gewesen ist. Mag ihn in meinem Herzen halten und ein Stück das Leben leben, dass er jetzt nicht mehr selbst leben kann. Mag das Leben weitergeben, es genießen – mit all den Menschen verbringen, die mir wichtig sind.
Mag die Angst hinter mir lassen, die Schutzmauern baut – scher dich zum Teufel! Was ist schon eine kleine oder größere Blamage gegen all das Schöne und Gute, was danach folgen kann? Streit, Verletzungen, Ängste gehen vorbei. Die Zeit, die schöne Zeit, die ich mit lieben Menschen verbringen kann, die ich in einem Umfeld leben kann, in dem ich mich wohlfühle und mit all den Dingen, die mich inspirieren, die mich strahlen und leben lassen – die sollen mein Herz füllen und endlich den die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen zusteht!
Das Leben ist zu kurz und am Ende ist es meine Entscheidung, wie ich diese kurze Zeit nutze. Ich bereue schon die letzten 10 Jahre, die ich im Gram und in Traurigkeit, zurückgezogen und ohne zu leben** verbracht habe. Am Ende meines Lebens will ich nicht bereuen sonder zurücksehen und “zufrieden” gehen können, weil ich gelebt habe, weil ich ein bisschen von dem geschafft habe, was mir wichtig ist: Die Welt ein klein bisschen zu einem lebenswerteren Ort machen. Ein Ort, in dem Menschen gut mit einander umgehen, in dem Kinder Kind sein können und ihre Phantasie und Neugierde, ihre Liebe und ihr Tatendrang gefördert werden. Eine Welt in der mehr Menschen verstehen, dass es viel schöner und befriedigender ist gemeinsam zusammen, uns langsam aber nachhaltig und unter Rücksichtnahme auf jedes Geschöpf oder Lebewesen (und dazu zähle ich auch die Natur, die Erde, etc…) weiterzuentwickeln. Ein Welt in der die Menschen begriffen haben, dass wir die Macht und die Möglichkeiten haben “The Survival of the Fittest” nicht länger wahr sein zu lassen und trotzdem nicht in Verdummung und Rückschritt versinken.
Dafür mag ich kämpfen – dafür will ich leben. Mit Leidenschaft. Egal, wie steinig der Weg sein mag. Für dich.
** Nein! Da war Leben! Zwar nur wenige, aber da war Leben. Und jetzt möchte ich mehr leben!




